Grmny – Frankfurt – Part 2

Hier in Frankfurt gibt’s auch den Rhein. Weil die Hessen alle schwere Sprachfehler haben, oder angetrunken die Worte aus sich herausquellen lassen, oder beides, hört es sich an wie ‚Wmrheijn’. Irgendein Professor hat den Hessen wohl verordnet, den Rhein als Main zu schreiben, um sich abzugrenzen und aus therapeutischen Gründen ein wenig aufmüpfig zu sein. Was sie auch brav tun. Jetzt müssen sie nur noch lernen, dass Frankfurt eigentlich ein Vorort von Köln ist und dann ist gut. Auch das wird wohl noch ein paar Generationen dauern, so wie ich die Lage einschätze.

Auf dem Weg durch die Stadt komme ich an zwei musizierenden Zigeunern vorbei. Der Akkordeonspieler spielt wie der Teufel alles rauf und runter, während der Gitarrist gelangweilt dazuspielt, als wenn er sich hinterm Ohr kratzen würde. Als ich ihn ansehe, nickt er mir beflissen zu. Ich winke aufmunternd zurück. Das ist viel billiger.

Am meisten bin ich hier von dem vielen Platz beeindruckt. Es gibt so viel Platz auf den Gehwegen, wie in ganz Asien nicht. Die Straßen sind im Vergleich zu Asien leergefegt. Vermutlich können sich die Leute immer weniger erlauben herumzukurven. Das schafft noch mehr Platz. Doch auch in den Supermärkten und in den großen Läden staune ich über den Bewegungsfreiraum. Hier wäre in Asien alles, bis auf eine Fußbreite, alles gnadenlos zugestellt worden.

Die erste Woche bin ich so müde wie noch nie in meinem Leben. ‚Das ist der Tag, an dem er nur noch gähnte und plötzlich verstarb.’ Wir leben jetzt im 16ten Stockwerk und blicken über ganz Frankfurt. Ich hätte nicht gedacht, dass es jeden Tag anders aussieht. Doch so ist es.

Natürlich hat Inge überall ihre Baustellen eröffnet. Ich versuche es, so gut es geht, zu ignorieren, doch dann muss ich ran. Bevor ich eine geschlossen habe, tauchen bereits die Nächsten auf. Gut, dass ich durch die Arbeitswelt abgebrüht bin. Einmal etwas richtig fasch machen, und ich brauche nie wieder etwas anpacken.

Ich nehme mir vor, mir jeden Tag etwas Neues von Frankfurt anzusehen, doch ich komme zu nichts. Es muss nicht unbedingt mit Inge zusammenhängen, doch die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß. Ich habe so viel Arbeit vor mir, dass ich gar nicht weiß, wo ich zuerst hinpacken soll. Dann bin ich mehrere Tage damit beschäftigt, den Computer wieder aufzubauen, Treiber und Software zu installieren. Kaum fällt mir nichts mehr ein, drückt mir Inge einen elektrischen Schraubenzieher in die Hand. Ich ahne, dass, wenn das so weitergeht, ich bald in einem blauen Kittel durch die Gegend laufe und mich jeder Hausmeister nennt. ‚Nenn mich Meister, du kleine Schwuchtel.’ Das dürfte die Meisten abschrecken. Dann muss ich mir nur noch einfallen lassen, wie ich die Perversos vom Hals bekomme.

Ich stehe extra früh auf, um auf dem wöchentlichen Flohmarkt ein Fahrrad zu kaufen und schlendere in der klirrenden Morgenkälte zum Main runter. Dort stehen zwar alle erdenklichen Fahrräder herum, doch die sind alle angekettet. Der Fahrradkauf fällt aus mangels Flohmarkt. Wieder zurück auf meiner privaten Intensivstation ist Inge davon überzeugt, dass ich an der faschen Stelle am Main gewesen sein muss. ‚Ein wöchentlicher Flohmarkt kann nicht einfach nicht da sein.’ Ein schneller Blick ins Internet ergibt, dass der Flohmarkt jede Woche zwischen zwei Standorten pendelt. Der Tag ist bereits für mich kaputt. Schnell ein paar Schmerztabletten reingepfiffen und die Sauerstoffmaske aufgesetzt.

Gegen Mittag fahren wir dann doch noch auf den verschwundenen Flohmarkt, wo ich mir gleich ein Mountainbike für 35 Euros kaufe. Ich muss es noch richtig einstellen. Doch für den Preis hätte ich in ganz Asien nichts Vergleichbares bekommen. Erst jetzt fällt mir auf, dass es die alltäglichen Kleinigkeiten sind, die in Asien so extrem billig ist. Sobald man sich dort etwas Qualität leisten will, kommt es sehr viel teurer als in Deutschland. Als ich mein Fahrrad kaufe, frage ich zaghaft, ob ich in Zukunft Rabatt bekomme, wenn ich es bei ihm wieder kaufen sollte. Der gute Mann versteht mich nicht. Ich werde es drauf ankommen lassen müssen. Wir werden es erleben.

Der Flohmarkt ist die Hochburg der Türken, Russen und Polen. Hier wird so gut wie kein Deutsch mehr gesprochen und hier wird um jeden Euro gefeilscht. 5 Bohrmaschinen für Marokko sollen für insgesamt 10 Euros weggehen. Da sie vermutlich alle durchgebrannt sind, sind sie ideal für die entlegen Ecken, wo es keinen Strom gibt. Doch der Gedanke lässt mich nicht in Ruhe, wofür man die Bohrmaschinen zweckentfremden könnte. Vielleicht sollte ich mich mit defekten Bohrmaschinen eindecken, bis es mir kommt.

Auf dem Fahrrad ist es so kalt, dass ich fast überschnappe. An meinem Schnauzer müssen Eiszapfen hängen und mein Gehirn dürfte nun einen weiteren großen Riss haben. Inge versucht, mich zu beruhigen. ‚Ab morgen soll es keinen Frost mehr geben.’ Es beruhigt mich nicht. ‚Wir haben Mitte Mai.’ Meine Stimme kommt von weit her. Als wenn es von dem Typ ist, der neben mir steht. Ihr wisst schon. Das alte Ego, wie es noch in den 80er Jahren in Deutschland übersetzt wurde.

So. Morgen werde ich mal zur Uni fahren und mich erkundigen, was sich so machen lässt. Da ich keine Lust auf schwierige Sachen habe, werden nur Kunst und Anglistik in Frage kommen. Mal sehen, wie es laufen wird.

Habe noch keine Fotos von Frankfurt gemacht. Doch man kann es sich leicht vorstellen. Man starre auf ein graues Stück Tapete und schon kommen einem die farblosen Bilder entgegengeflogen. Eine graue Zimmerdecke tut’s auch. ‚Ist das ungelöschter Kalk in meinen Augen?’ ‚Nein. Das ist die Frankfurter Skyline.’

Man braucht nur eine halben Tag durch die Frankfurter Innenstadt zu gehen, um die kaputtesten Gestalten zu sehen. Damit meine ich nicht unbedingt die an der Bierflasche hängenden Penner. Einige von ihnen dürften Banker oder Ähnliches sein.

Die Luft hier oben ist verdammt dünn. Wenn ich auf dem Balkon stehe, fühle ich mich bereits wie der österreichische Alpenheini, dessen Namen ich längst vergessen habe. Doch ich komme in das Alter, in dem ich eine Sauerstoffmaske brauche. Am Besten gleich ein Sauerstoffzelt mit ein paar Krankenschwestern. ‚Wer ist da? Der Vorstand der deutschen Bank? Schmeiß ihn raus. Ich will Möpse sehen.’

Während ich auf der Strasse mein Fahrrad tune, laufen ein paar Zigeuner an mir vorbei und sehen mich eindringlich an. Ich verstehe. Ich muss wohl bald mit dicken Goldketten und Klunkern an den Finger herumlaufen, um Eindruck zu machen. Ich werde mir eine dunkle Sonnenbrille und einen Nerz zulegen müssen. Wegen der Sonne. Die Sonnenbrille. Ich brauche jede Menge Goldzähne. Ein paar Klappmesser und eine Knarre. Dann brauche ich noch einen schweren Mercedes. Nicht einfach, sich in Deutschland zu behaupten. Doch kurz darauf ahne ich, dass die Blicke wahrscheinlich meinem Fahrrad gegolten haben. Ich werde mir ein gutes Schloss besorgen müssen.

Die Israelis lassen sich vom Papst absegnen. Es wirkt wie eine große PR-Show. Gut, dass ich kein Katholik bin. Die plötzliche Nähe der Israelis zur katholischen Kirche wäre mir verdammt peinlich, besonders nach dem letzten Überfall auf die Palästinenser. Ich frage mich automatisch, wie viel der Papst für seine Auftritt bekommen hat. Damit dürfte er die Nummer 1 im Showgeschäft sein.

Obama beginnt, den Realitäten des amerikanischen Militärs ins Auge zu sehen. Natürlich kann er sich darauf berufen, dass er während der Wahl die Realitäten so nicht gekannt hatte. Doch es ist unglaublich billig, alles mit der nationalen Sicherheit und dem Schutz amerikanischer Soldaten zu begründen. Die neuen Foltermethoden sollen nicht veröffentlicht werden? Ohne Folter würde es die Fotos nicht geben. Ich kann es nicht mehr hören, wie die Amerikaner der Welt versuchen einzuhämmern, dass die neuere Geschichte mit dem 11. September beginnt.

Kaum schalte ich den Fernseher ein, läuft mir Schwabbelbacke Merkel mit wässrigen Augen über den Weg. In dem Bericht wird sie als ein Machtmensch gezeichnet, der nichts unternimmt, was seiner Position schaden könnte. Die deutsche Regierung braucht mehr von diesen Typen. Die können sich dann Jahr aus Jahr ein um ihre Positionen kümmern und wir verbuchen es unter Beschäftigungstherapie.

Im Großhandel beobachte ich einen dicken Frankfurter, der wie ein gealterter und aufgedunsener Student aus den 70er Jahren aussieht. Vielleicht sind es seine langen, ausgedünnten und angenagten Haare. Ich habe den Endruck, dass er den alten Damen aus der Nachbarschaft die großen Geräte besorgt und installiert. Und mit der Zeit hat sich sein Aussehen den alten Damen angepasst. Er schnappt sich eine Schubkarre und eine Waschmaschine und schlendert davon. Es wäre nicht der erste dreiste Diebstahl. Im Vorbeigehen sagt er zu einem Verkäufer ‚da muss aber noch ein anderes Preisschild drauf.’ ‚Ja ja ja. Bevor du das wieder selber machst.’ Draußen sehe ich ihn dann wieder, wie er die Waschmaschine in seinen verbeulten Lieferwagen hievt und mit einer älteren Dame verhandelt. Der Typ ist ein offenes Buch für mich. Ich könnte ihm auf dem Kopf zusagen, welche Musik er immer noch hört.

So. Langsam habe ich meinen Computer eingerichtet und eine elektrische Gitarre muss her. Ich ertappe mich nun jeden Tag, dass ich mich nach einer umsehe.

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